Medizin nach deutschem Vorbild

Anna Nowikowa ist Ärztin mit Leib und Seele. Seit 15 Jahren arbeitet sie in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Die Spezialistin für Ultraschalldiagnostik setzt sich für den Dialog mit Fachkollegen in Deutschland ein und engagiert sich beim ukrainisch-deutschen Ärztebund Udamed.

„Kurz nach meiner Rückkehr vom MP, im August 2014, bekam ich einen Anruf. Der Medizinerbund Udamed hat mich zu seiner ersten Sitzung eingeladen, um von meinen Erfahrungen in Deutschland zu hören“, erzählt Nowikowa. Der Verband geht auf eine Ärzteinitiative zurück, die vom deutschen Konsulat in Charkow und anderen Institutionen unterstützt wird. Die Medizinerin gesellte sich zu den Gründungsmitgliedern und prägt die Entwicklung des Vereins mit. In enger Zusammenarbeit mit dem Ärztebund hat Nowikowa jüngst den praktischen Teil eines Studiengangs für internationale Medizinstudenten in Charkow ausgerichtet, der im Wintersemester 2016 begonnen hat. In diesem Rahmen gibt die MP-Absolventin jetzt ihr Wissen in der Computertomographie und Ultraschalldiagnostik weiter. Gelehrt wird unter anderem an deutscher Technologie.

Grundsätzlich sollten Kooperationen im Gesundheitsbereich auf eine nachhaltige Zusammenarbeit angelegt seien, nicht auf kurzfristigen Profit, findet Nowikowa. Ihr Hauptengagement liegt deshalb im Bereich Wissenstransfer und Bildung. In den letzten Jahren hat sie einige deutsch-ukrainische Konferenzen mitorganisiert, eine davon war der Umsetzung der Gesundheitsreform in Charkiw und dabei in erster Linie der Rolle der internationalen Zusammenarbeit gewidmet. Besonders am Herzen liegt ihr die Weiterentwicklung der Tele- und Palliativmedizin und die Durchführung von Reha-Maßnahmen nach deutschem Vorbild. Seit ihrer MP-Teilnahme bietet Nowikowa an ihrer Klinik Gesundheits-Check-ups wie in Deutschland an, denn  Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge stecken in der Ukraine generell noch in den Kinderschuhen. Angefangen hat sie mit Vorsorgeprogrammen innerhalb der Kardiologie, Onkologie und Neurologie. Weitere Bereiche sollen hinzukommen, analog zum Angebot in großen deutschen Kliniken.

Gern würde Nowikowa ihren Patienten eine Versorgung wie in Deutschland bieten. Das Gesundheitssystem in der Ukraine ist marode, es gibt quasi keine staatliche Grundversorgung mehr. „Zurzeit werden Leistungen in Höhe von zehn Cent pro Tag gedeckt. Davon können wir nicht mal den Strom bezahlen“, erzählt die Ärztin. Eine Neuerung nach deutschem Vorbild konnte sie aber umsetzen – die Einführung von elektronischen Krankenkarten. Zusammen mit einem Techniker hat sie die digitale Datenerfassung Ende 2014 an den Start gebracht und das Personal in der Anwendung geschult. Dadurch spart sie Zeit und verringert die Fehlerquote durch schlecht lesbare Handschrift. Außerdem erleichtern die Karten die Überweisung in deutsche Spezialkliniken.

Einige Firmen in der Ukraine haben Krankenversicherungen für ihre Mitarbeiter und unterhalten eigene Kliniken. Die meisten Leistungen im Land werden jedoch privat gedeckt. Hier gibt es gute Chancen für Kooperationen. Die Möglichkeiten auf dem privaten Gesundheitsmarkt seien aber noch nicht ausgeschöpft, ist Nowikowa überzeugt. „Dass wir hier trotz der Schwierigkeiten annähernd normale Arbeits- und Lebensbedingungen haben, können sich die meisten gar nicht vorstellen“, sagt sie. Als im letzten Jahr ein Arzt vom Berliner Zentrum für integrative Schmerztherapie mit einem Vortrag zur Behandlung von chronischen Schmerzpatienten zu Gast war, wunderte er sich, dass in Charkow kein Krieg ist, erzählt Nowikowa. Sie appelliert an eine bessere Informationspolitik und Aufklärung. Das MP sieht sie dabei als gute Unterstützung.