Familienunternehmen professionalisiert

Viktoria Lubenez betreibt mit vier weiteren Familienmitgliedern die Firma L-Decor. Das Kiewer Bauunternehmen unterstützt Bauherren, Architekten und Privatleute bei Neu- oder Umbauten von Immobilien in der Ukraine. L-Decor kümmert sich von der Installation der Sanitäranlagen bis zur dekorativen Wandgestaltung um so manches, was nach dem Rohbau ansteht. Als Lubenez 2015 am MP teilgenommen hat, arbeitete sie bei einem Mittelständler im Marketing. Kurz danach hat sie ihren Job an den Nagel gehängt und ist in den Familienbetrieb mit eingestiegen.

„Das Programm war ein sehr starker Impuls für mich“, sagt Lubenez, beeindruckt vom Engagement, der Professionalität und dem Erfolg der häufig familiengeführten Unternehmen, die sie in Deutschland kennengelernt hat. „Die Fortbildung hat in mir den Wunsch geweckt, mein Leben als Selbständige zu gestalten – und nicht als Arbeitnehmerin“, sagt die 33-Jährige. Seit drei Jahren arbeitet die studierte Übersetzerin nun schon als Managerin für strategische Entwicklung in dem Unternehmen mit, das ihr Bruder 2010 gegründet hat, zusammen mit weiteren Familienmitgliedern. Sechs Angestellte unterstützen die Unternehmerfamilie.

Die Mitarbeiter von L-Decor bekommen ein für die Ukraine eher unübliches Paket an Sozialleistungen. Dazu gehört zum Beispiel die Übernahme von Krankenhausleistungen, die aufgrund des maroden ukrainischen Gesundheitssystems von den Bürgern quasi selbst getragen werden müssen und schnell zu einer finanziellen Belastung werden können. Ab 2018 will Lubenez für ihre Mitarbeiter auch die Krankenversicherung tragen und als familienfördernde Maßnahme die Kosten für die Kinderbetreuung übernehmen. „Gute Mitarbeiter muss man nicht nur finden, sondern auch binden“, sagt sie. „Ich versuche, möglichst viel von dem Know-how und den Erfahrungen, die ich in Deutschland gemacht habe, in die Entwicklung unseres Unternehmens einzubringen“. Die Ausweitung der Sozialleistungen ist nur ein Teil davon.

Von ganz besonderem Wert war für das aufstrebende Familienunternehmen die Professionalisierung des Finanzmanagements, die Lubenez angestoßen hat. „Finanzen – das war für mich ein Buch mit sieben Siegeln“, sagt die Strategin. Das Know-how hatte auch sonst keiner in ihrer Familie, man hatte bisher nach bestem unternehmerischen Wissen und aus dem Bauch heraus geplant. Umso dankbarer wurden die neuen Impulse aus Deutschland umgesetzt. Einnahmen und Ausgaben werden jetzt den jeweiligen Projekten zugeordnet und analysiert. Dadurch können die Manager den tatsächlichen Investitionsbedarf ermitteln und die Wirtschaftlichkeit der Projekte beurteilen. Durch die neue Faktenlage hat die Familie eine bessere Kontrolle über die Kapitalverwendung und kann ihre Investitionspolitik effizienter steuern.

„Wir setzen uns jetzt vor jedem neuen Projekt zusammen und besprechen gemeinsam die Chancen und Risiken, auch was das gesamte Projektmanagement angeht“, sagt die MP-Absolventin. In regelmäßigen Meetings legt man Pläne und Deadlines fest. Das hilft bei der Umsetzung und Steuerung der Projekte, stößt allerdings auch an natürliche Grenzen. „Unsere Geschäftspartner in der Ukraine sind noch nicht so weit. Sie verstehen oft nicht, wie wichtig Deadlines für den Erfolg sind. Aber das ist doch nur einen Tag später, höre ich oft“, sagt Lubenez. Die Alumna bewundert Deutschland dafür, dass dort alles nach Plan läuft. „Wir haben uns noch nicht daran gewöhnt. Man muss bei sich selbst anfangen“.

Die Umstrukturierungen bei L-Decor tragen bereits erste Früchte. Gerade eröffnet der Familienbetrieb eine Niederlassung in Spanien. Außerdem hat sich die Zielgruppe des Kleinunternehmens erweitert. Zu den privaten Bauherren mit ihren Haus- und Wohnungsprojekten kommen nun auch zunehmend gewerbliche Kunden, die bei der Gestaltung ihrer Hotels, Restaurants oder Cafes auf die Dienste von L-Decor vertrauen.